Forschungsvorhaben zur Verringerung des Eintrags von Ladungsrückständen von festen Massengütern ins Meer
Die Seeschifffahrt ist für Deutschland als hochindustrialisiertes Land von besonderer Bedeutung für den Außenhandel und für die Versorgung mit Rohstoffen. Über 90 Prozent der weltweit gehandelten Güter werden über den Seeweg transportiert. Insgesamt wurden 2020 mehr als 294 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen. Die meistbeförderten Güter in der deutschen Seeschifffahrt sind Kohle, rohes Erdöl und Erdgas, gefolgt von Erzen, Steinen und Erden sowie chemischen Erzeugnissen.
Der Schutz der Meeresumwelt vor negativen Einflüssen durch die Seeschifffahrt wird international durch das MARPOL-Übereinkommen der IMO adressiert. Dies beinhaltet auch die Entsorgung von Ladungsresten fester Massengutladungen in Anlage V „Verhütung der Verschmutzung durch Müll“ des Übereinkommens. Ladungsreste von festen Massengutladungen fallen als Feststoffe sowie als Bestandteil von Waschwasser an. Prinzipiell dürfen von Schiffen keine Ladungsreste von Stoffen ins Meer gelangen, die als schädigend für die marine Umwelt eingestuft sind. Darüber hinaus sind Einleitungen von Ladungsrückständen, die als nicht-schädigend eingestuft sind, in Sondergebieten nur in Ausnahmefällen erlaubt. Sowohl die Nord- als auch die Ostsee sind Sondergebiete nach MARPOL Anlage V. Dementsprechend sind in deutschen Häfen Auffangeinrichtungen für diese Abfälle vorzuhalten.
Das Erreichen eines guten Umweltzustands der europäischen Meere ist auch das Ziel der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL). Im Rahmen der MSRL-Maßnahmen des zweiten Zyklus 2022-2027 wurde der PIA e. V. vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) mit der Durchführung eines Projektes zur „Evaluierung von Auffangeinrichtungen und Entsorgungsbedingungen von Ladungsrückständen fester Massengüter“ beauftragt. Das Projekt ist eine zusätzliche Maßnahme zur Erreichung oder Erhaltung des guten Umweltzustands, die auf bestehendes EU-Recht oder bestehende internationale Vereinbarungen aufbaut, aber über die dort festgelegten Anforderungen hinausgeht. Ziel des Projektes ist es, anhand der Forschungsergebnisse Strategien zur Vermeidung des Eintrags von Ladungsrückständen fester Massengüter in das Meer durch ihre Entsorgung in den Häfen zu entwickeln.
Das Projekt beinhaltet:
- die Erfassung der bestehenden Auffangeinrichtungen in deutschen Häfen für Ladungsreste fester Massengüter einschließlich derer für Waschwasser, das diese Ladungsreste enthält,
- die Ermittlung ggf. bestehender Hindernisse bei der Entsorgung der Ladungsreste sowohl auf Seiten der Häfen als auch auf Seiten der Schiffe und
- die Erarbeitung entsprechender Maßnahmen und Handlungsoptionen hieraus.
Das Forschungsvorhaben wird durch ein interdisziplinär aufgestelltes Projektteam bearbeitet. Die Mitglieder des Projektpartnerverbundes rekrutieren sich aus Expertinnen und Experten in den Bereichen Entsorgungsmanagement (land- und schiffseitig), für internationales, europäisches und deutsches Seerecht und Umweltrecht (einschließlich umweltbezogenen Schifffahrtsrechts) und für Seeverkehr, Nautik und Logistik.
Der Projektpartnerverbund besteht aus den folgenden Mitgliedern:
- Prüf- und Entwicklungsinstitut für Abwassertechnik an der RWTH Aachen e. V.
- PIA – Prüfinstitut für Abwassertechnik GmbH
- Lehrstuhl für internationales Seerecht und Umweltrecht, Völkerrecht und Öffentliches Recht an der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Hamburg
Der Projektpartnerverbund wird dabei von den folgenden assoziierten Partnern unterstützt:
- Maritimes Zentrum der Hochschule Flensburg
- Verband Deutscher Reeder (VDR)
- Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe e. V. (ZDS)
Zudem wird das Projekt durch ein Experten-Panel begleitet.
Das Forschungsvorhaben soll dabei den Konkretisierungs- und Änderungsbedarf von MARPOL Anlage V ermitteln und der IMO bei Vorliegen der notwendigen Erkenntnisse einen Vorschlag für einen neuen Arbeitsauftrag (Work Program Item) für den Ausschuss zum Schutz der Meeresumwelt (MEPC) unterbreiten, um den identifizierten Konkretisierungs- und Änderungsbedarf zur Diskussion zu stellen.
Das Forschungsvorhaben kann damit auch für diese Maßnahme auf HELCOM-Ebene wertvolle Erkenntnisse liefern bzw. die deutsche Beteiligung an der Umsetzung des neuen Baltic Sea Action Plan (BSAP) effektiv unterstützen. Die Forschungsergebnisse sollen zudem im Forschungsnetzwerk eingespeist, insbesondere aber im Rahmen des MSRL-Prozesses sowie den Gremien von IMO und HELCOM verwertet werden